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Draghi vor erneuter Öffnung der Geldschleusen

Die europäischen Währungshüter stehen heute vor der Entscheidung, ob und in welchem Maße sie weitere monetäre Impulse für die Eurozone setzen möchten, um der fortschreitenden Konjunkturabkühlung sowie der schwächelnden Inflation entgegenzutreten. Gemäß des Statements der vergangenen EZB-Sitzung im Juli prüfen die Rats-Mitglieder dabei eine Vielzahl von Instrumenten, allen voran auch die Wiederaufnahme von Nettoanleihekäufen sowie weitere Leitzinssenkungen. Vor dem Hintergrund der Äußerungen von EZB-Präsident Mario Draghi auf der Pressekonferenz zur letzten Zinsentscheidung strebt die Mehrheit im EZB-Rat dabei ein größeres Maßnahmenpaket an. Wir rechnen in diesem Zusammenhang mit einer weiteren Senkung des Einlagensatzes um 20 BP auf -0,60 % (Grafik 1), die durch die Einführung einer stufenweisen Freistellung (Tiering) für Geschäftsbanken mit hohen Kundeneinlagen abgemildert werden würde. Zusätzlich flankiert werden dürfte die Zinssenkung zudem durch die Ankündigung erneuter Nettoanleihekäufe im Volumen von 30 Mrd. EUR pro Monat beginnend ab Januar 2020. Außerdem könnte die EZB ihr offizielles Inflationsziel dahingehend flexibilisieren, dass sie in Zukunft auch ein längeres Überschießen der 2 %-Marke akzeptieren wird. Somit würde Draghi auf seiner vorletzten Sitzung als EZB-Präsident die geldpolitischen Leitplanken noch einmal neu setzen.

Marktreaktion:
Die hohen Markterwartungen an das Ausmaß der geldpolitischen Lockerung bieten ein substantielles Enttäuschungspotential für die EZB-Entscheidung. Bleibt z. B. die Ankündigung eines im EZB-Rat durchaus umstrittenen neuen Anleihekaufprogramms aus, würde dies den jüngsten Renditeanstieg bei Staatsanleihen weiter beschleunigen.

Kerninflation bietet wenig Argumente für US-Zinssenkung

Für die Mitglieder des Offenmarktkomitees (FOMC) der Fed dürften die heute anstehenden Inflationsdaten in den USA noch einmal Erkenntnisse für die Zinsentscheidung am kommenden Mittwoch liefern. Nachdem die Inflationsrate im Juli noch auf 1,8 % geklettert war, rechnen wir im August aufgrund sinkender Benzinpreise wieder mit einem Rückgang auf 1,7 %. Demgegenüber dürfte die um volatilere Komponenten wie Energie und Nahrungsmittel bereinigte Kernrate den dritten Monat in Folge ansteigen und mit 2,3 % in die Nähe der zyklischen Hochstände bewegen (Grafik 2). Vor diesem Hintergrund erscheint - zumindest im Hinblick auf die Inflationsentwicklung - der Druck auf die US-Notenbanker, eine weitere Senkung der Fed Funds-Rate im September zu beschließen, zwar eher gering zu sein. Dennoch lassen die Äußerungen von Fed-Chef Jerome Powell darauf schließen, dass das FOMC zur präventiven Abwehr eines konjunkturellen Abschwungs u. E. nicht nur im September sondern auch im Oktober den Leitzins um jeweils 25 BP zurücknehmen wird.

Marktreaktion:
Im Schatten der EZB-Sitzung dürften die Inflationsdaten nur geringe Auswirkungen auf den EUR/USD-Wechselkurs entfachen.

Und sonst?

  • Polen: Wie erwartet beließ die polnische Notenbank (NBP) den Leitzins gestern bei 1,50 %. Trotz des weiterhin sehr robusten Wirtschaftswachstums sowie der über dem Zielniveau der NBP liegenden Inflationsrate sehen die polnischen Notenbanker zudem gemäß des Statements zur Zinsentscheidung weiterhin keinen Anlass dazu, die geldpolitischen Zügel in absehbarer Zeit zu straffen. An den Devisenmärkten wurde dies als "dovishes" Signal gewertet, so dass der Kurs des Zloty auf breiter Front nachgab.
  • Handelsstreit: China hat gestern überraschend eine Reihe von US-Gütern ab dem 17. September von den kürzlich erst beschlossenen Zollerhebungen ausgenommen. Die insgesamt 16 Güter umfassende Liste der Ausnahmen wurde dabei zwar von vielen Analysten als Signal des guten Willens von chinesischer Seite im Vorfeld der im Oktober angesetzten Handelsgespräche mit den USA gewertet und ließ daher die Hoffnungen auf eine Beilegung des Handelsstreits und damit den Risikoappetit der Anleger ansteigen. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass die Ausnahmen in erster Linie als Unterstützung für die schwächelnde heimische Wirtschaft gewährt wurden, zumal die politisch sensiblen Agrargüter wie Sojabohnen explizit nicht berücksichtigt wurden.
  • Türkei: Von der Zentralbank wird mehrheitlich erwartet, dass sie ihren Leitzins von aktuell 19,75 % senken wird. Die Frage ist, in welchem Umfang. Die Prognosen sind vergleichsweise weit gestreut. Wir erwarten eine Rücknahme des Satzes auf 16,75 % und liegen damit unter der Konsensannahme von 17,0 %. Wir gehen mit Blick auf Währungs- und Inflationsentwicklung von einem größeren Schritt aus. Entsprechend positiv beurteilen wir die Attraktivität türkischer Staatsanleihen.

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