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EZB startet Überprüfung der Strategie

Ausgabe vom 23.01.2020 07:57 Uhr

Aktueller geldpolitischer Rahmen bleibt unverändert

Die erste zinspolitische Sitzung des EZB-Rats in diesem Jahr dürfte ganz im Zeichen der von der neuen Präsidentin Christine Lagarde angekündigten Überprüfung der EZB-Strategie („strategic review“) stehen. Dabei wird sich der geplante Austausch mit führenden Ökonomen, Mitgliedern von Parlamenten sowie Vertretern der Zivilgesellschaft zur künftigen Umsetzung des in den EU-Verträgen festgehaltenen Mandats zur Sicherung der Preisstabilität in der Eurozone vermutlich primär mit der Definition des Inflationsziels beschäftigen. Eine Abwendung vom bisherigen Ziel („unter, aber nahe 2 %“) hin zu einem flexibleren Ansatz (z. B. definiert als Bandbreite um ein zentrales Teuerungsziel) könnte am Ende einen möglichen Kompromiss in dieser Frage darstellen. Daneben werden aber wohl auch der geldpolitische Instrumentenkasten der EZB („forward guidance“, Anleihekäufe, Zinssätze) sowie die Transparenz der Ratsentscheidungen einer Prüfung unterzogen. Der beschriebene Prozess soll gemäß der EZB-Chefin bis Ende 2020 abgeschlossen sein. Was die aktuellen geldpolitischen Rahmenbedingungen angeht, ist in den kommenden Monaten mit Blick auf den jüngsten Anstieg der Inflationsrate im Dezember (von 1,0 % auf 1,3 % gg. Vj.) und die Stabilisierungstendenzen bei den Sentimentindikatoren weder bei den Leitzinssätzen (Grafik 1) noch bei den Anleihekäufen mit Änderungen zu rechnen.

Marktreaktion: ►► An den Anleihemärkten dürften sich keine großen Bewegungen einstellen, da die „forward guidance“ der EZB unverändert bleiben dürfte. Jedoch zeigt die Erfahrung, dass bereits kleine Veränderungen bei der generellen Risikobewertung für die wirtschaftliche Entwicklung in der Eurozone durch die Notenbank zu stärkeren Kursausschlägen führen.

Norwegen mit stabiler Geldpolitik in 2020

Zwischen September 2018 und September 2019 hat die Norges Bank den Leitzins in vier Schritten um insgesamt 100 BP angehoben. Mit 1,50 % liegt die „Sight Deposit Rate“ damit wieder auf dem Niveau, das zuletzt zwischen März 2012 und Dezember 2014 Bestand hatte (Grafik 2). Zum Zeitpunkt der letzten Notenbanksitzung vom Dezember 2019 hatten die norwegischen Währungshüter ein schwächer als erwartetes Niveau der Krone vermerkt, gleichzeitig aber auch ein schwächeres BIP-Momentum konstatiert. Per Saldo ergibt sich dadurch die Gesamteinschätzung der Norges Bank, dass die Inflation (Dezember: 1,8 % gg. Vj.) auf absehbare Zeit im Zielbereich der Notenbank von „nahe 2 %“ verbleibt. Wir gehen davon aus, dass der Leitzins 2020 auf dem aktuellen Niveau verbleibt.

Marktreaktion: ► Allgemein wird 2020 mit einem unveränderten Leitzinsniveau gerechnet. Die norwegische Krone dürfte vor dem Hintergrund der sich abzeichnenden Konjunkturabschwächung in Norwegen im Jahresverlauf unter Druck geraten und der Euro wieder auf Notierungen deutlich jenseits von 10 NOK anziehen.

Und sonst?

Frankreich: Die anhaltenden Proteste gegen die Rentenreform der Regierung Macron und die bestehenden Risiken hinsichtlich der Entwicklung des Welthandels haben das Vertrauen der französischen Unternehmen negativ beeinträchtigt. So fiel das Umfrageergebnis der Erhebung des nationalen Statistikamtes INSEE im Januar von revidiert 105 (zuvor: 106) auf 104 Punkte. Damit wird der langjährige Durchschnittswert dieser Zeitreihe (100) zwar immer noch überboten. Der Rückfall auf den niedrigsten Stand seit Februar 2019 lässt aber vermuten, dass die Wirtschaftsaktivitäten an Schwung verlieren. Wir rechnen 2020 nur mit einem BIP-Plus von 1,1 % (2019e: 1,3 %).

Kanada: Erwartungsgemäß hat die Bank of Canada (BoC) auf ihrer gestrigen Sitzung die „Overnight Rate“ bei 1,75 % belassen. Die kanadischen Währungshüter sehen vor dem Hintergrund der geopolitischen Risiken indes nur noch gemischte Signale für die kanadische Wirtschaft und kurzfristig ein schwächeres BIP-Wachstum als zuvor angenommen. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit für einen geldpolitischen Expansionsschritt in den kommenden Monaten. Wir rechnen im 2. Quartal 2020 mit einer Leitzinssenkung um 25 BP. Der kanadische Dollar musste nach der Veröffentlichung des Statements zur Zinsentscheidung zum US-Dollar spürbare Verluste hinnehmen und dürfte im weiteren Jahresverlauf zusätzliche Kursrückgänge verzeichnen.

Finanzmärkte: Begünstigt durch positive Vorgaben von den asiatischen Finanzplätzen und verbunden mit Hoffnungen auf eine globale Konjunkturstabilisierung sowie auf konstruktive Lösungen in den internationalen Handelskonflikten erreichte der DAX® gestern im frühen Handel mit gut 13.640 Punkten ein neues Rekordhoch. Im Tagesverlauf konnte das erreichte Niveau jedoch nicht verteidigt werden. Mit Blick auf die Entwicklung bei der Ausbreitung des Coronavirus sind die Vorgaben für den heutigen Handelstag wenig konstruktiv. Profiteure waren gestern im späteren Handel „sichere Häfen“ wie der japanische Yen oder der Schweizer Franken.

Festlandchina: Nach der Unterzeichnung des Phase-1-Abkommens werden im Zollstreit mit den Vereinigten Staaten allgemein weitere Verhandlungen erwartet. In diesem Umfeld gehen wir davon aus, dass der US-Dollar in den kommenden Monaten zum chinesischen Renminbi auf 6,75 CNY fallen wird. Aufgrund der Komplexität der Verhandlungen sind im weiteren Jahresverlauf jedoch Rücksetzer für die chinesische Valuta einzukalkulieren. Per Ende 2020 rechnen wir daher wieder mit etwas höheren USD-Niveaus um 6,95 CNY (zuvor: 7,15 CNY).

Legende (Marktreaktion): ► = gering, ►► = hoch, ►►► = sehr hoch

 

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